Kann ein einfaches Aufgussgetränk eine Revolution auslösen? Im Winter 1773 lieferte der Tee die Antwort. In der Nacht zum 16. Dezember versenkten Bostoner Bürger Hunderte Kisten chinesischen Tees im Hafenbecken und schrieben Weltgeschichte. Die Boston Tea Party gilt bis heute als Funke, der die Amerikanische Revolution entzündete. Im Mittelpunkt stand jedoch kein abstrakter Paragrafenstreit, sondern ein Alltagsgut, das jede Familie kannte und liebte: das duftende Blatt aus Fernost. Welche Sorten schwappten damals ins Salzwasser? Woher stammten sie, und warum wurde ausgerechnet diese Handelsware zum Symbol des Widerstands? Der folgende Beitrag rückt konsequent das Getränk in den Vordergrund.

Was war die Boston Tea Party?

Die Boston Tea Party (manchmal auch Bostoner Teesturm genannt) war ein Akt des kolonialen Widerstands am 16. Dezember 1773 im Hafen von Boston, bei dem Kolonisten 340/342 Kisten Tee der britischen East India Company von drei Schiffen ins Wasser warfen.1 Der Protest richtete sich gegen den Tea Act und gegen das Prinzip einer Besteuerung ohne parlamentarische Vertretung. Die Aktion selbst verlief bemerkenswert diszipliniert. Die Beteiligten beschädigten nichts außer der Teeladung und legten damit eine symbolische Grenze fest: Sie zerstörten britische Handelsware, verletzten jedoch weder Menschen noch weiteres Eigentum. Genau diese Mischung aus Entschlossenheit und Zurückhaltung machte den Vorfall zu einem Wendepunkt auf dem Weg in die Amerikanische Revolution.1

Boston Tea Party: The Destruction of Tea at Boston Harbor von Nathaniel Currier
Boston Tea Party: "The Destruction of Tea at Boston Harbor" von Nathaniel Currier

Welcher Tee wurde 1773 in Boston vernichtet?

Vernichtet wurden fünf chinesische Teesorten: die schwarzen Tees Bohea, Congou und Souchong sowie die grünen Tees Singlo und Hyson. Nach der Aufstellung des Historikers Benjamin W. Labaree verteilte sich die Ladung auf 240 Kisten Bohea, 15 Kisten Congou und 10 Kisten Souchong (ein Verwandter des Lapsang Souchong ) sowie 60 Kisten Singlo und 15 Kisten Hyson, zusammen also 340 detailliert verzeichnete Kisten.2 Die häufig genannte Rundzahl von 342 Kisten weicht davon nur geringfügig ab und bezieht sich auf die überlieferte Gesamtmenge. Sämtliche Blätter stammten aus China, nicht aus Indien oder Ceylon, denn der dortige Anbau begann erst im 19. Jahrhundert. Es handelte sich durchweg um losen Blatttee. Gepresste Teeziegel lehnten die Kolonisten ab, und Teebeutel lagen noch rund 150 Jahre in der Zukunft.3

🔎 TeaDive: Wie viele Kisten waren’s denn wirklich!?

Wie schon erwähnt tauchen sowohl 342 als auch 340 Kisten als “Opfer“ der Boston Tea Party auf. So sprechen viele Geschichtsbücher, Enzyklopädien und selbst die offizielle Website des U.S. Census Bureau, der größten Statistikbehörde der Vereinigten Staaten von 342 Kisten. Diese Anzahl basiert auf einen Bericht aus einer Ausgabe der „Boston Gazette“ von 1773, die nur wenige Tage nach dem Ereignis erschien. Das britische Nationalarchiv spricht hingegen von 340 Kisten und beruft sich auf das Ladungsverzeichnis der Ostindien-Kompanie in deren Petition an das Parlament aus dem Jahr 1774, in der sie eine Entschädigung für die Schäden forderte:

Ship Tea Chests Weight (lb) Cost
Per lb Total
sd £sd
Beaver Bohea8028,625202,862100
Singlo (1st sort)201,6372821854
Hyson5380509500
Congou54322348120
Souchong21383020140
N/a11231,212N/a3,24514
Dartmouth Bohea8028,161202,81620
Singlo (1st sort)201,59628212160
Hyson53705092100
Congou5428234830
Souchong4276304180
N/a11430,831N/a3,210190
Eleanor Bohea8028,094202,80980
Singlo (Hyson Skins)201,3893020870
Hyson5384509600
Congou5436234910
Souchong42703040100
N/a11430,573N/a3,20360
Total N/a34092,616N/a9,65964

Quelle: Request for compensation for the Boston Tea Party


Bohea: vom billigen Alltagstee zum Freiheitssymbol

Bohea bezeichnete einen schwarzen Tee aus dem Wuyi-Gebirge in der chinesischen Provinz Fujian und war im 18. Jahrhundert so verbreitet, dass sein Name schlicht zum Slangwort für Tee wurde.3 Für viele Kolonisten war Bohea so alltäglich wie später der Morgenkaffee, ein günstiger Aufguss für den täglichen Bedarf. Die Blätter röstete man über Holzkohle, was ihnen ein kräftiges, leicht rauchiges Profil verlieh, geschmacklich näher am heutigen Oolong als an einem modernen kräftigen Schwarztee. Ein pikantes Detail rundet das Bild ab: Der 1773 versenkte Tee hatte seine beste Zeit längst hinter sich. Gepflückt in den Jahren 1770 und 1771, lagerte er zunächst monatelang in Londoner Speichern, bevor er im Spätsommer 1773 über den Atlantik reiste.3 Ins Hafenwasser fiel also keine edle Kostbarkeit, sondern eine gewöhnliche, bereits alternde Massenware, deren Bedeutung erst die Politik erschuf.

Grüner Tee an Bord: Hyson und Singlo

Grüner Tee machte etwa 22 Prozent der Ladungsmenge aus, stellte aber rund 30 Prozent des Warenwerts, ein klares Zeichen für seine gehobene Stellung.3 Diese Zahlen widerlegen ein hartnäckiges Missverständnis, wonach im kolonialen Amerika ausschließlich Schwarztee getrunken wurde. Hyson zählte zu den geschätzten Sorten, ein früh im Frühjahr gepflückter Grüntee, dessen erste Ernte vor den Regenfällen als besonders fein galt. Singlo dagegen wuchs später in der Saison, brachte größere Blätter hervor und verdarb schneller. Die Company verschiffte ihre Restbestände dieser weniger bekannten Sorte gezielt in die Kolonien, um Lagerware abzustoßen, bevor sie ungenießbar wurde, und hoffte zugleich, den Amerikanern den Geschmack daran anzugewöhnen.3 So spiegelte selbst die Zusammensetzung der Ladung handfeste Handelsinteressen wider.

Gewußt? Den Tee von der Boston Tea Party kann man übrigens auch kaufen und trinken. Zumindestens wenn man in den USA lebt. Dort bekommt man Bohea, Congou oder Hyson beispielsweise bei oliverpluff.com oder elmwoodinn.com. Beide Tees kann man übrigens auch im Boston Tea Party Ships & Museum kaufen, dessen Besuch sich auf jeden Fall lohnt, sollte man einmal nach Boston kommen.

Die Rolle der East India Company, der Tea Act und der Teeschmuggel

Das Fass zum Überlaufen brauchte der Tea Act vom Mai 1773, der es der East India Company erlaubte, ihren Tee unter Umgehung kolonialer Zwischenhändler direkt und verbilligt in Amerika abzusetzen, und drohte damit, die einheimischen Kaufleute vom Markt zu drängen.1 Warum aber entzündete sich der Zorn ausgerechnet an billigerem Tee? Der Grund lag im Prinzip. Ein Tee, der zwar günstiger war, aber die verhasste Abgabe an Großbritannien weiterhin enthielt, erschien vielen als geschickter Versuch, die Steuerhoheit des Parlaments durch die Hintertür zu bestätigen. Hinzu kam eine wirtschaftliche Realität: Ein Großteil des in den Kolonien konsumierten Tees stammte aus dem Schmuggel niederländischer Ware, die ohne britische Abgaben ins Land gelangte.5 Bekannte Bostoner Patrioten wie John Hancock verdienten wahrscheinlich am illegalen Handel kräftig mit. Der Tea Act bedrohte also nicht nur ein Prinzip, sondern auch ein einträgliches Geschäft, und schmiedete so ein breites Bündnis aus Idealisten und Kaufleuten.

Die Nacht am Griffin's Wharf, 16. Dezember 1773

Am Abend des 16. Dezember 1773 bestiegen rund einhundert Männer, viele mit kohlegeschwärzten Gesichtern und als Mohawk verkleidet, die drei am Griffin's Wharf vertäuten Schiffe Dartmouth, Eleanor und Beaver und kippten binnen etwa drei Stunden über 92.000 Pfund Tee ins Hafenbecken.1, 3 In dieser Nacht verwandelte sich der Hafen von Boston in die größte Teekanne der Weltgeschichte. Die Teilnehmer kamen aus allen Schichten der Stadt, ein Gemisch aus jungen Kaufleuten, Handwerkern, Lehrlingen und Arbeitern, und gingen mit erstaunlicher Ordnung vor.1 Der Anwalt John Adams (und einer der späteren Gründerväter der Vereinigten Staaten) hielt am folgenden Tag in seinem Tagebuch fest, dass in der Nacht drei Ladungen Bohea-Tee im Meer versenkt worden seien, und wertete die Tat als Wendepunkt, als eine „Epocha in History".4 Damit brachte er auf den Punkt, was viele Zeitgenossen spürten: Hier fiel eine Entscheidung, die sich nicht mehr rückgängig machen ließ.

Last Night 3 Cargoes of Bohea Tea were emptied into the Sea. This Morning a Man of War sails.

This is the most magnificent Movement of all. There is a Dignity, a Majesty, a Sublimity, in this last Effort of the Patriots, that I greatly admire. The People should never rise, without doing something to be remembered -- something notable And striking. This Destruction of the Tea is so bold, so daring, so firm, intrepid and inflexible, and it must have so important Consequences, and so lasting, that I cant but consider it as an Epocha in History.

Übersetzt:

Letzte Nacht wurden drei Ladungen Bohea-Tee ins Meer gekippt. Heute Morgen sticht ein Kriegsschiff in See.

Dies ist die großartigste Aktion von allen. Diese letzte Anstrengung der Patrioten strahlt eine Würde, eine Erhabenheit und eine Großartigkeit aus, die ich zutiefst bewundere. Das Volk sollte niemals in Aufstand treten, ohne etwas zu tun, das in Erinnerung bleibt – etwas Bemerkenswertes und Eindrucksvolles. Diese Vernichtung des Tees ist so kühn, so wagemutig, so entschlossen, unerschrocken und unnachgiebig, und sie muss so wichtige und so dauerhafte Folgen haben, dass ich sie nur als eine Epoche in der Geschichte betrachten kann.

Auszug aus dem Tagebuch von John Adams, später einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und von 1789 bis 1797 der erste Vizepräsident sowie nach George Washington von 1797 bis 1801 der zweite Präsident der Vereinigten Staaten.

Nach der Tea Party: Boykott, Liberty Teas und der Aufstieg des Kaffees

Auf die Zerstörung der Ladung folgten harte Strafgesetze, die in den Kolonien als Intolerable Acts bekannt wurden, den Bostoner Hafen sperrten und die Stimmung weiter gegen die Krone aufheizten.1 Der Tee selbst geriet nun ins Kreuzfeuer der Politik. Viele Haushalte schworen dem britischen Aufguss ab und griffen zu heimischen Alternativen, die sie stolz „Liberty Teas" nannten. Aus Himbeerblättern, Minze, Tee Monarde, Goldrute oder dem einheimischen Strauch New Jersey Tea (Ceanothus americanusc/Amerikanische Säckelblume)) brühten die Kolonisten Kräuteraufgüsse, die zwar keinen echten Tee der Pflanze Camellia sinensis enthielten, dafür aber eine klare Botschaft: Unabhängigkeit.3 Häufig lag diese stille Revolution in den Händen der Frauen, die in Küche und Vorratskammer über den Boykott wachten. Parallel dazu stieg der Kaffee zum patriotischen Nationalgetränk auf. Das aromatische Blatt aus China blieb ein flüssiges Politikum, und noch heute erinnert jede Tasse an jene Nacht, in der ein Getränk zur Fackel einer Nation wurde.

Gewußt? Auf die Boston Tea Party soll auch die Boston Tea Time zurück gehen. Diese Teestunde etablierte sich drei Jahre nach der Boston Tea Party am Nachmittag des 16. Dezembers. Imitiert werden sollte damit auf spöttische Art und Weise die bekannte British Tea Time und der damit verbundene Afternoon Tea, der größte Stolz des Vereinigten Königreichs, mit dem man weiterhin eine Rechnung offen hatte. Inzwischen ist diese besondere amerikanische Teestunde aber in Vergessenheit geraten.

Quellen

  1. Benjamin L. Carp: Defiance of the Patriots. The Boston Tea Party and the Making of America. Yale University Press, New Haven/London 2010.
  2. Benjamin Woods Labaree: The Boston Tea Party. Oxford University Press, New York 1964.
  3. Boston Tea Party Ships & Museum: The Types of Tea Destroyed at the Boston Tea Party.
  4. Massachusetts Historical Society: Diary of John Adams, Eintrag vom 17. Dezember 1773 (Adams Family Papers).
  5. Benjamin L. Carp: Did Dutch Smugglers Provoke the Boston Tea Party? In: Early American Studies, Bd. 10, Nr. 2 (2012), S. 335 bis 359.